FARBEN- CULORI


Nici nu stiu cum sa incep…  dupa o lunga  perioada de tacere S. (doamna cu scrisorile) a reinceput sa “vorbeasca”- direct in germana. Mie mi-e simplu, dau din cap a aprobare indiferent ce-ar spune ea, chit ca nu inteleg nemteste. Pentru voi, insa- ce ipocrizie; ba si pentru mine!- sper din tot sufletul sa revina cu textul in limba romana, sa ne bucuram si noi.
Deocamdata doar pentru prietenii din Germania:

Farben
Es sind die Begegnungen, die unser Leben prägen … und die Farben … Ja, vielleicht sind es vor allem die Farben …

Es war Heiligabend, ich erinnere mich nicht mehr, in welchem Jahr es war.
Im Wohnzimmer, am Fenster, stand ein großer Tannenbaum mit vielen, vielen warm leuchtenden Kerzen. Doch es war nicht der große Tannenbaum, der mich in seinen Bann zog, sondern der, den ich in meiner Hand hielt und der kaum größer war als meine Handfläche … ein Spielzeug.
Mein Onkel hatte ihn mir mitgebracht. Der kleine Weihnachtsbaum, der aussah, als bestünde er nur aus Lametta, hatte eine Farbe, die ich zuvor noch nie gesehen hatte: eine Art Kirschrot mit viel Lila und Blau und Rot und etwas Gelb. Es kam mir sehr eigenartig vor … Das Rot von diesem Lametta war nicht irgendein Kirschrot, sondern es war genau das Kirschrot. Ich drehte den kleinen Tannenbaum in meiner Hand und sah, wie sich dieses Kirschrot dabei auflöste in die anderen Farben, die mir alle damals schon irgendwie bekannt vorkamen, aber ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht … Alle diese Farben waren so wunderschön …
Ich konnte zwar noch kaum laufen damals, aber ich dachte: „Das Leben muss herrlich sein, wenn es solche Farben gibt.“

Ich weiß nicht, wie lange ich so dasaß, mit dem kleinen Weihnachtsbaum in der Hand, bis meine Mutter schließlich das große Licht anmachte und wütend meinen Vater anschrie: „Du hast das Kind alleine gelassen! Hier, mit all den Kerzen … Ich habe dich nur um eine einzige Sache gebeten, nur um eine einzige … und du …!“ Sie begann zu weinen, und die Farben waren verschwunden.
Vergeblich versuchte ich, den kleinen Tannenbaum in meinen Händen immer weiter zu drehen … die Farben blieben verschwunden. Da weinte ich bittere Tränen und wünschte mir nichts sehnlicher, als dass ich diese Farben irgendwann einmal wieder sehen würde. Und tatsächlich sollte ich jede einzelne dieser Farben noch einmal wieder sehen. Nur ein einziges Mal konnte ich später sagen: „Ja, das ist genau das Lila“ oder „… genau dieses Blau“. Aber das war viele Jahre später, und es kam mir vor wie ein Déjà-vu.

Auch wenn ich damals noch sehr klein war, ist dieser Abend das erste, woran ich mich überhaupt erinnere.

Lila

Jahre vergingen, bis ich jenen violetten Farbton wieder sah. Es geschah am vierten März im Jahre 1977 – das einzige Datum, was ich mir je gemerkt habe, ein Datum, das sich alle merken mussten.
An jenem Abend stand ich am Fenster meines Zimmers und betrachtete den Himmel. Er hatte genau diese Farbe … genau dieses Lila … Ich wusste sofort, dass ich diesen Farbton schon einmal gesehen hatte und er irgendwie zu meinem Leben gehörte. Ich konnte nicht sagen, weshalb er mir so vertraut war, aber ich fragte mich, warum der Himmel an jenem Abend diese Farbe trug.

Nur wenige Stunden später begann es. Das erste Mal in meinem Leben erlebte ich, dass die Erwachsenen in Panik gerieten. Alles um mich herum fing plötzlich an zu beben … die große Vitrine im Wohnzimmer, mein Spielzeug … alles … immer stärker … immer bedrohlicher …
Meine Mutter zerrte mich aus der Wohnung raus. Das Treppenhaus war voller Menschen. Überall schrieen sie: „Die Kinder, lasst die Kinder nach vorne … raus mit den Kindern … oh Gott!“
Vor dem Beben hatte ich keine Angst, da ich nicht wusste, was es war. Aber ich kam mir plötzlich sehr wichtig vor, weil alle um mich herum schrieen „Oh Gott … Die Kinder!“ Und ich verstand sehr schnell, dass es darum ging, uns vor etwas in Sicherheit zu bringen, vor etwas zu retten, das so stark war, dass selbst die Erwachsenen Angst hatten. Ich konnte mich schnell mit der Situation arrangieren, da ich keine Angst verspürte …
Ich hätte eine Rettung viel mehr am Vortag, morgens gebraucht, als ich wieder einmal Magenkrämpfe wegen der Milch bekommen hatte und meine Mutter sagte: „Hab dich nicht so, Milch ist gesund, du braucht es für deine Zähne …“ In der Not habe ich irgendwann alleine die rettende Lösung gefunden. Es gab ein Loch in dem Waschbecken, von dem ich nicht wusste, wohin es führt, aber ich stellte bald fest, dass meine Milch durch dieses Loch ziemlich schnell verschwand, wenn ich sie da heimlich hineingoss. Anschließend waren alle glücklich … meine Mutter, ich, die Milchfrau … und deswegen bedankte ich mich über Jahre jeden Morgen bei diesem Waschbecken, das meine Rettung gewesen war.
Wie auch immer …

An jenem Abend war jedoch alles anders. Als wir endlich auf der Straße waren, sahen wir, dass auch unsere Nachbarn ihre Häuser verlassen hatten. Eine Frau hielt mit ihrem Auto an und schrie, die Hauptstadt sei vollkommen zerstört und es gebe Tausende von Toten. Da verstand ich endlich, was es mit unserer Rettung auf sich hatte.
Ich sah zum Himmel hinauf … er hatte noch immer diesen lila Farbton, ein wenig dunkler, aber es war der gleiche.

Meine Mutter nahm mich bei der Hand. „Hab keine Angst! Wenn alles weg ist, kann ich von Null anfangen. Ich bin eine gute Lehrerin, vielleicht die beste der Stadt, ich kann überall neu anfangen. Hab keine Angst, dass wir alles verlieren könnten!“
Während meine Mutter mich beruhigen wollte, sah ich nur, dass auf ihrem Gesicht die Falten zwischen ihren Augenbrauen verschwanden und auch dieser besorgte, etwas verbitterte Blick, den ich sonst jeden Tag an ihr sah. Ich bemerkte nur, wie schön sie war. Und ich wünschte mir, dass dieses Beben, das die Erwachsenen Erdbeben nannten, wieder anfing, damit meine Mutter so schön bliebe.
Es fing tatsächlich wieder an, aber es war nicht mehr so stark und dauerte nicht mehr so lange wie zuvor.
Bei uns zu Hause passierte überhaupt nichts … außer zwei Gläsern, die kaputt gingen.
Am nächsten Tag durften wir alle zu Hause bleiben, aber schon zwei Tage später ging in unserer Stadt das Leben weiter, genau wie zuvor … Meine Mutter sah ich nie wieder so schön wie an diesem Abend, als der Himmel lila war.

Und so lernte ich, dass alles zu verlieren schön machen kann, und erfuhr, dass die Rettung für jeden eine andere Bedeutung hat, denn für jeden kommt die Gefahr von woanders.
Es war die Farbe Lila, die für immer in meiner Seele blieb.

Rot

Und die Zeit verging …
Es kam der Tag, an dem wir in den Winterferien nach Busteni, einem kleinen Ort bei Sinaia fuhren. Damals verbrachten wir häufig die Winterferien dort, und diesmal kam noch eine Familie mit zwei Kindern mit. Ich hatte die Familie selbst nicht gesehen, nur ihr Auto, als wir abfuhren.
In Busteni wurde jedes Jahr schön gefeiert, und es wollten immer viele Freunde meiner Eltern mit uns kommen. Diesmal waren wir fast fünfzig.
Gegen 20 Uhr kamen wir an und zwei Stunden später versammelten wir uns alle beim gemeinsamen Abendessen. Dort konnte ich die Familie nun genauer betrachten … die Frau war wunderschön. Ich erinnere mich noch gut an ihr langes, schwarzes Haar und an ihren eleganten Gang …
Bevor sie kam, hatte ich gehört, wie Aura meine Mutter fragte „Wieso hast Du diese Nutte eingeladen?“ „Glaube nicht alles, was die Menschen sagen. Sie ist eine gute Ärztin, und ich mag sie irgendwie“, sagte meine Mutter …

… und dann stand sie da und sagte zu den anderen: „Ich heiße Mia, Mia-Veronika. Ich halte euch für meine Freunde und bitte euch, mich Mia zu nennen. Ich werde euch allerdings nur dann duzen, wenn ihr es mir erlaubt …“… und dann setzte sie sich hin. In diesem Moment habe ich es gewusst … Wenn ich mal groß bin, möchte ich auch Nutte werden. Ich wusste nicht genau, was das bedeutet, aber so schön wollte ich auch mal werden …

In den wenigen Tagen bis Silvester hatte ich mich mit ihren Kindern angefreundet. Einmal beim Spazierengehen sah ich, dass Mia zehn Schritte hinter ihrem Mann ging, den Blick hielt sie gesenkt. Ihre Kinder kamen zu ihr und verlangten Geld für Süßigkeiten für uns alle. Sie öffnete ihre Tasche, holte die Brieftasche hervor und hielt sie auf, bis die beiden Geld rausgenommen hatten. Ich fragte mich, ob ich an ihrer Stelle das ganze Geld genommen hätte, denn mir passierte so etwas Verlockendes nie … aber sie nahmen tatsächlich nur so viel, dass wir genug Süßigkeiten kaufen konnten … das hieß für mich: Mia machte das immer so. Dann lief sie weiter, den Blick gesenkt und in Gedanken ganz woanders.
Abends spielten wir draußen. Schon am ersten Abend, so gegen 20 Uhr rief uns Mias kleine Tochter: „Komm, Mama erzählt jetzt eine Geschichte!“… ich bin einfach mitgegangen. Mia wartete auf uns und fing dann an zu erzählen. An die Geschichte kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich erinnere mich aber noch gut daran, wie Aura auf einmal ins Zimmer platzte und rief: „Ist mein Mann bei dir?“
Mia schaute sie an und sagte „Setz dich, ich erzähle gerade eine Geschichte. Möchtest du ein Cognac oder Kaffee?“ Wie auf Kommando setzte sich Aura neben uns aufs Bett und nahm einen Cognac. Mia erzählte weiter, als ob nichts passiert sei.

Mir war schon aufgefallen, dass alle Männer ihr immer hinterher schauten, aber ich sah nicht ein einziges Mal, dass sie den Blick erwiderte … Sie hielt den Blick immer gesenkt.

Auch an diesem Abend, am Silvesterabend, zog sie die Blicke aller Männer auf sich, als sie in einem roten Kleid erschien. Ich hatte so ein Kleid noch nie gesehen. Es bestand eigentlich nur aus einem Stück Stoff mit einem Knoten über der linken Schulter. Uns war klar, dass der ganze Stoff herunterfallen würde, wenn man am Knoten zöge, und Mia wusste das auch. Frauen und Männer waren gleichermaßen sprachlos.
Auch ich war neugierig, was man sehen könnte, wenn man an dem Knoten ziehen würde. Ein paar Wochen vor Weihnachten war Unterwäsche aus Frankreich importiert worden, die in unserer Stadt nur unter dem Ladentisch verkauft wurde. Wenn meine Mutter als Lehrerin sich schon solch schöne Unterwäsche leisten konnte, dann stellte ich mir vor, dass Mia als Ärztin in unserer kleinen Stadt am Silvesterabend die allerschönste trug. Ob sie die gleiche Farbe wie das Kleid hatte?
Ich habe lange gebraucht, bis mir klar wurde, woher ich Mias Kleid kannte. Es war eigentlich nicht das Kleid, es war seine Farbe … Rot wie Feuer … genau dieses Rot von meinem kleinen Weihnachtsbaum …
An jenem Abend waren viele der Männer besoffen, einige Frauen drohten mit Scheidung, unter anderen auch Aura … Aber natürlich passierte nichts!
Schon einen Tag später war alles „ganz normal“… und Mia lief wieder umher, elegant wie immer… mit dem Blick nach unten.

Ich war bereits Studentin in Bukarest, als ich hörte, dass Mia ziemlich jung gestorben war. Als sie erfuhr, dass sie Krebs hatte, zog sie sich alleine in eine kleine Wohnung in Bukarest zurück und wartete auf den Tod. Sie lehnte jede Behandlung ab.

Ich erinnere mich an jenen Silvesterabend und an Mias Auftreten – wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt …, an den Knoten auf der linken Schulter und daran, dass ich damals zum ersten Mal das Wort „Nutte“ hörte … und auch an diese Farbe, dieses Rot, das ich schon einmal im Kerzenlicht gesehen hatte …

Blau

Und die Zeit verging …
Ich war vielleicht elf Jahre alt, als ich an einem späten Nachmittag vor dem Haus meiner Eltern die Luft betrachtete. Es war der Zeitpunkt, an dem der Tag zu Ende ist, aber die Nacht noch nicht angefangen hat, da sah ich, dass die Luft die Farbe Blau trug. Es kam mir merkwürdig vor, denn ich wusste, dass Luft keine Farbe hat. Ich betrachtete dieses Blau mit großer Neugierde … es kam mir irgendwie bekannt vor.

Durch dieses Blau hindurch sah ich auf einmal Rory, die Nichte meiner Mutter, die in großer Eile die Treppen unseres Hauses hinauflief. Sie war so um die 25 und frisch verheiratet mit einem Arzt aus unserer Stadt. Das nannte man damals eine „gute Partie“ und bedeutete, nie wieder Schlange stehen zu müssen für Fleisch, Öl, Zucker und alles, was man so brauchte und was in jener Zeit nie in den Läden zu finden war …

An diesem Abend sah Rory allerdings nicht so unbesorgt aus, wie sie es sein sollte. Panisch fragte sie nach meiner Mutter, ihrer engsten Vertrauten.
Ich ahnte gleich, dass Rory ein ernstes Problem hatte, und verabschiedete mich aus meiner verträumten Betrachtung der blauen Luft, um ihr zu folgen.

Sobald sie meine Mutter sah, fing sie an zu heulen. Sie erzählte etwas von ihrem Mann, von ihrer Schwiegermutter, dass sie nicht mehr wolle und könne und vieles andere, was ich bei dem Geheule weder gut hören noch verstehen konnte … Meiner Mutter ging es, glaube ich, ähnlich, aber sie ließ Rory zu Ende erzählen ohne sie zu unterbrechen und nickte immer wieder wissend. Wahrscheinlich wusste sie bereits, worum es ging …

Als Rory mit ihrem Geheule aufhörte, sagte meine Mutter zu mir „Könntest Du mich bitte in dem anderen Zimmer suchen?“ Das hieß, sie wollte nicht, dass ich dabei blieb. Ich habe nie so richtig verstanden, warum sie immer diese merkwürdige Formulierung benutzte, wenn sie wollte, dass ich aus dem Zimmer gehe. Es war doch klar, dass sie, wenn sie in dem einen Zimmer war, nicht in dem anderen sein konnte … und wenn sie gedacht hat, dass ich so was denken könnte, dann hielt sie mich für ziemlich naiv. Ich weiß noch ganz genau, dass ich mich damals zum ersten Mal fragte, ob ich dumm oder klug sei.

Im anderen Zimmer konnte ich nicht mehr hören, was meine Mutter mit Rory besprach. Da ich es aber so gern wissen wollte, setzte ich mich vor die Ikone und betete, um es zu erfahren. Und das geschah dann auch …
So kam Rory schon zwei Tage darauf wieder zu Besuch. Es schien wieder alles in Ordnung zu sein. Sie brachte sogar Blumen und Kuchen mit. Diesmal vergaß meine Mutter, mich ins andere Zimmer zu schicken, und so blieb ich ganz still sitzen, um alles mitzuhören.
Rory bedankte sich bei ihr und sagte, es gehe ihr viel besser. Sie sagte auch, dass alles, was meine Mutter am Vorabend erzählt habe, richtig gewesen sei … Sie habe in der Nacht mit ihrem Mann geschlafen, und er sei beim Frühstück unheimlich nett gewesen, habe versprochen mit seiner Mutter zu reden, damit sie Rory nicht mehr beschimpfe und habe Rory sogar Geld für ein Kleid gegeben.
Ich verstand überhaupt nicht, warum „schlafen“ solche Wunder vollbringen kann und wenn … warum Rory nicht selbst auf die Idee gekommen war.

Rory ging wieder nach Hause, und wir hörten längere Zeit nichts mehr von ihr. Nach ein paar Wochen kam Rory erneut aufgelöst zu meiner Mutter. So erfuhr ich, dass „das Schlafen“ auch nicht unbedingt die Lösung für Rorys Problem war und sich bisher eigentlich nichts in ihrem Leben geändert hatte.
Ich verstand nur nicht, warum die wunderschöne Farbe Blau an jenem Abend mit Rorys Geschichte verbunden war. Irgendwann hörte ich auf, einen Grund dafür zu suchen und akzeptierte, dass auch diese Geschichte mit meinem Leben irgendwie zu tun hat. Es war diese Farbe Blau, die in meiner Seele blieb und mich lehrte, dass man nicht immer den Grund dafür wissen muss, warum manche Sachen mit dem eigenen Leben zu tun haben …

Gelb

Und die Zeit verging …
Es waren gerade Sommerferien und ich fuhr zu meiner Oma, nach Borcea an der Donau. Ich wollte eigentlich nicht fahren, obwohl ich meine Oma sehr liebte, aber es war dort immer so heiß, dass um die Mittagszeit niemand das Haus verlassen konnte. Nur meiner Oma schien die Hitze nichts auszumachen, sie ging immer irgendwelchen Beschäftigungen nach. Wenn alle Aufgaben in dieser Welt erledigt wären, hätte meine Oma immer noch etwas zu tun. Sie war für mich ein einzigartiges Phänomen. Und selbst wenn sie sich mal ausruhen wollte, sagte mein Opa immer: „Steh auf!“… selbst wenn sie gar nicht gesessen hatte … und gab ihr eine neue Aufgabe.
Und so verließ ich an einem Tag um die Mittagszeit das Haus, um zu schauen, was meine Oma zu tun hatte. Die Sonne schien so grell, dass das Licht mich blendete und ich gar nichts mehr sehen konnte. Ich schloss die Augen und merkte, dass es besser wurde. Trotz geschlossener Augen konnte ich sehen, und ich sah eine wunderschöne gelbe Farbe, die mir sehr vertraut war … Ich glaube, ich blieb ziemlich lange dort stehen, mit geschlossenen Augen, und bewunderte diese sonnige, warme, unglaublich helle Farbe … vielleicht waren es Stunden, vielleicht auch nur Minuten.

„Geh ins Haus um Gotteswillen! Es wird dir schlecht bei der Hitze!“
„Kommst du mit?“
„Nein, ich kann nicht … ich habe zu tun …“
„Was tust du?“
„Alles mögliche …“

Dann kam mein Opa und verlangte eine Flasche Schnaps. Es verging kein Tag, an dem er nicht Schnaps trank und anschließend besoffen war.

„Warum gibst du ihm den Schnaps?“
„Er hat viel durchgemacht … der Krieg … dann kamen die Kommunisten und haben alles weggenommen … Er war ein guter Mann …“

Ich war verwirrt, aber ich verstand, dass ein guter Mann alles bekommt, was er braucht, seinen Schnaps, das Essen um Punkt 12 Uhr und eine Frau, die niemals ruht. Meine Oma schien weder traurig noch glücklich zu sein. Sie hatte vier Kinder verloren und empfand wahrscheinlich keine Freude und auch keine Trauer mehr. An jenem Tag merkte sie, dass es mir irgendwie nicht so gut ging und fühlte sich vielleicht deswegen verpflichtet, mir ein großes Geheimnis des Lebens mitzuteilen … Sie sagte, wenn man gar nicht mehr kann und man wissen will, ob das Leben weiter geht, solle man eine Melodie summen, und je nachdem, wie die Melodie klinge, erfahre man, was passieren werde.

Ich verstand damals nicht, was sie meinte, aber Jahre später, als ich schon erwachsen war und selbst ein Kind hatte, erinnerte ich mich daran und stellte fest, dass dieser Trick funktionierte … Es ging mir sehr schlecht und ich konnte nicht mehr, da fielen mir die Worte meiner Oma ein, und ich dachte an eine Melodie. Ich begann sie zu summen, und auf einmal wusste ich ganz genau, wenn meine Melodie so klingt, dann geht mein Leben weiter. Und mein Leben ging weiter …
Und jedes Mal, wenn ich an meine Oma denke, dann erinnere ich mich an diesen heißen Sommertag … und an die wunderschöne Farbe … Gelb …

Seitdem vergingen viele, viele Jahre, und immer wieder dachte ich an diese Farben … und ab und zu fragte ich mich, ob ich dieses Kirschrot noch einmal sehen würde … meine Farbe

Und es vergingen noch mehr Jahre, und es wurde mir gesagt, und ich habe es auch gelesen, dass diese Art von Farbe sehr selten sei, und man müsse sie nicht unbedingt nochmal sehen, man könne sie sich manchmal vorstellen oder man könne so tun, als ob sie da sei … und außerdem gebe es so viele Farben auf dieser Erde, die angenehm und sogar schön seien, dass man nicht unbedingt dieser einen, einzigartigen begegnen müsse …
Und so genoss ich die Farben der Welt, die mir gegönnt wurden, und suchte nur noch heimlich und manchmal sogar mit schlechtem Gewissen meine Farbe wiederzufinden, und sei es auch nur für einen kurzen Augenblick …
Viele um mich herum meinten, ich habe schon so viele Farben gesehen, dass ich inzwischen selber abfärbe, und dass das ungerecht sei … zumal es Menschen gibt, die sehr wenige Farben im Leben sehen und sogar manche, die farbenblind sind …
So gab ich irgendwann die Suche auf.

… und dann vergingen nur noch drei Jahre, und da geschah etwas …
Ich kann nicht genau sagen, wie es passierte, aber ich sah genau diese Farbe, dieses Kirschrot … und nicht nur für einen Moment … ich sah es klarer als ich je dachte, dass ich überhaupt sehen kann …
Mit einem Mal wusste ich, wer ich bin und was ich will …
Es war nicht wie an jenem Heiligabend, sondern genau umgekehrt. Alle Farben flossen in diese eine zurück …

Ich gehöre wohl zu den ganz wenigen Menschen, die so etwas erleben durften. Ich weiß nicht, wieso gerade ich das erleben durfte, ich weiß es wirklich nicht, aber eines weiß ich:

Es sind die Begegnungen die unser Leben prägen, und die Farben, ja vor allem die Farben.

S.

7 thoughts on “FARBEN- CULORI

  1. ja, ja… :)) – die fahne ist rot gelb blau -nu am citit in diagonală – mi-am amintit de la gimnaziu 😀
    asteptăm cu interes o traducere in română. teaser in germană nu am mai servit până acum.
    🙂

  2. Ein wunderschöner bewegender Text, tiefe Gedanken, sehr emotionsreiche Beschreibung…der Leser wird in eine emotionale Welt geführt, die sich hinter dem Vorhang des Erlebbaren verbirgt…Vielen Dank für diese wunderschönen Zeilen.
    MA

  3. aaa… cred ca stiu cine e:) pup maxim! (sic, nici eu n-am priceput ce-a scris, dar daca o cunosc, e de bine)

  4. ich hoffe, dass ich auch zu den wenigen Menschen gehöre die das Kirchrot sehen werden…… Bis jetzt sah ich nur Rot….oder war es doch Lila?
    L.

  5. Wunderschöne Geschichte,danke daß wir teilnehmen dürfen an den Kindheitserinnerungen.

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